Haiti – Revolution, Voodoo & Wiederaufbau: 25+ Fakten, die das Land neu erzählen

Haiti ist ein Land voller Kontraste: Es war die erste Nation der Welt, die aus einer erfolgreichen Sklavenrevolte hervorging, und gleichzeitig ist es bis heute geprägt von Krisen, Naturkatastrophen und Migration. Zwischen Voodoo-Ritualen, französisch-kreolischer Sprachvielfalt, Karneval von Jacmel und der berühmten „Soup Joumou“ entfaltet sich eine Kultur, die Widerstandskraft und Kreativität gleichermaßen verkörpert. In diesem Artikel entdecken Sie mehr als 25 Fakten, die Haitis wahre Identität zeigen – weit über Klischees hinaus.


1 – Haiti… die Revolution, die die Ketten der Sklaverei sprengte

Im August 1791 brach in der französischen Kolonie Saint-Domingue, dem heutigen Haiti, ein Sklavenaufstand aus, wie ihn die moderne Geschichte noch nicht gesehen hatte. Unter der spirituellen Führung von Dutty Boukman verwandelte sich ein nächtliches Ritual im Wald von Bois Caïman in den Funken, der eine gewaltige Rebellion entfachte und innerhalb weniger Wochen den Norden der Insel erfasste. Aus diesem Aufstand entwickelte sich in den folgenden Jahren ein umfassender Befreiungskrieg, der 1804 mit der Unabhängigkeitserklärung durch Jean-Jacques Dessalines gipfelte. Haiti wurde so der erste moderne Staat, der aus einer erfolgreichen Sklavenrevolte hervorging – und nach den USA die zweite unabhängige Nation Amerikas. Der Sieg bedeutete nicht nur politische Freiheit, sondern erschütterte das gesamte Freiheitsverständnis der atlantischen Welt. Für Millionen Versklavte in aller Welt wurde Haiti zum lebendigen Beweis, dass Befreiung möglich ist. Selbst in den USA und Lateinamerika wurde der Name Haiti zum Codewort des Widerstands – und die „Soup Joumou“, einst nur den Kolonialherren vorbehalten, zum Volksgericht und jährlichen Symbol des nationalen Stolzes.

Jean-Jacques Dessalines hebt am 1. Januar 1804 in Gonaïves die erste haitianische Fahne (blau über rot, ohne Wappen) vor einer jubelnden Menge ehemaliger Sklaven und Revolutionäre.


2 – Ein Inselaufstand verdoppelt die Fläche der USA

Als Haitis Revolution Napoleon seine reichste und profitabelste Kolonie raubte, zerbrach auch sein Traum von einem französischen Imperium in Amerika. Der verlustreiche Krieg verschlang tausende Soldaten und ruinierte die Staatskasse, sodass er 1803 gezwungen war, seine Pläne im „Neuen Weltteil“ aufzugeben. In einem unerwarteten Schritt bot er den USA das riesige Louisiana-Territorium für nur 15 Millionen Dollar an. Mit diesem Kauf verdoppelte sich die Fläche der Vereinigten Staaten beinahe über Nacht und leitete die Expansion nach Westen ein, die ihre künftige Identität prägen sollte. So wurde der Aufstand von Sklaven auf einer kleinen Karibikinsel zu einem Ereignis, das die politische Landkarte eines ganzen Kontinents veränderte – und Haiti, wenn auch unbeabsichtigt, zu einem der Wegbereiter des amerikanischen Aufstiegs zur Weltmacht.

Unterzeichnung des Louisiana-Kaufs 1803 in Paris: François Barbé-Marbois überreicht das Dokument mit der Aufschrift „Louisiane“ an Robert Livingston, der mit Feder unterschreibt, während James Monroe danebensteht.


3 – Sichere Ferien oder geschlossene Blase? Die Frage von Labadie

Seit 1986 hat die Reederei Royal Caribbean den Strand von Labadie im Norden Haitis langfristig bis 2050 gepachtet und in ein streng bewachtes Resort verwandelt. Dort gehen tausende Kreuzfahrtgäste von Bord, um exklusive Strände, Wassersport und organisierte Souvenirmärkte zu genießen – abgeschottet vom sozialen und wirtschaftlichen Umfeld. Für den Staat bringt der Ort feste Einnahmen über Gebühren pro Tourist, für Einheimische einige Hundert Arbeitsplätze und einen kleinen Markt für Händler. Doch das Gesamtbild zeigt einen scharfen Kontrast: ein luxuriöser Ferienort inmitten eines armen Landes. Labadie ist nicht nur ein Strand, sondern ein Symbol für ein abgeschlossenes Tourismusmodell – eine Parallelwelt, die die Kluft zwischen globaler Reiseindustrie und haitianischem Alltag offenbart.

Ein exklusiver Strandbereich in Labadee, Haiti, mit blauen Liegestühlen und bunten Sonnenschirmen, während ein Schild „Private Area – Resort Guests Only“ den Zugang einschränkt. Dahinter türkisfarbenes Meer, spielende Touristen und einfache Häuser am Fuß grüner Hügel.


4 – Französisch/Kreolisch hier… Spanisch/Karibisch dort

Haiti nimmt das westliche Drittel der Insel Hispaniola ein, während die Dominikanische Republik die östlichen zwei Drittel kontrolliert. Doch diese gemeinsame Geografie hat nicht zu dauerhafter Nähe geführt, sondern zu einer langen Geschichte der Gegensätze. Seit der Teilung der Insel durch den Vertrag von Aranjuez im Jahr 1777 zog sich eine Grenze, die über Jahrhunderte Spannungen hervorbrachte. Heute ist der Kontrast deutlicher denn je: Auf der einen Seite sprechen die Menschen Französisch und Kreolisch und leben in einer der ärmsten Volkswirtschaften der Welt, auf der anderen Seite wird Spanisch gesprochen und eine Wirtschaft aufgebaut, die zehnmal größer ist. Auch Kultur und nationale Identität entwickelten sich in unterschiedliche Richtungen – Hispaniola ist so zur Insel der Gegensätze geworden.

Luftaufnahme eines Platzes mit einer aufgemalten Karte von Hispaniola. Menschen stehen verteilt auf der westlichen (Haiti) und östlichen (Dominikanische Republik) Seite, einige halten Schilder in Kreolisch, Französisch oder Spanisch. Kleine Flaggen beider Länder sind am Boden sichtbar.


5 – Zwei Amtssprachen… und Kreolisch als Stimme des Alltags

Die Verfassung von 1987 erklärt sowohl Kreolisch als auch Französisch zu offiziellen Sprachen Haitis. Doch in der Realität zeigt sich ein anderes Bild: Kreolisch, das von mehr als 95 % der Bevölkerung gesprochen wird, ist die Sprache des Alltags – zu Hause, auf der Straße, in der Schule und in den Medien. Französisch hingegen beherrschen nur rund 10 % der Menschen. Es bleibt die Sprache von Verwaltung, Justiz, Elite und höherer Bildung. Diese ungleiche Verteilung hat den Sprachen unterschiedliche Rollen verliehen: Kreolisch ist zum Symbol der Zugehörigkeit und kollektiven Identität geworden, während Französisch als Ausdruck von Macht und gesellschaftlichem Status gilt. Mit seiner offiziellen Anerkennung ist Kreolisch von einer Volkssprache zu einer Staatssprache aufgestiegen – ein sprachliches Freiheitsmanifest parallel zur politischen Geschichte Haitis.

Haitianische Schulkinder sitzen in einem Klassenzimmer mit hölzernen Bänken, während eine Lehrerin vor einer grünen Tafel steht. Auf der Tafel ist ein Satz groß auf Kreolisch und darunter kleiner auf Französisch geschrieben.


6 – Von „Hispaniola“ zu Haiti… eine Reise durch vier Jahrhunderte

Als Christoph Kolumbus 1492 an der Küste der Insel landete, die er „La Isla Española“ nannte, begann ein neues Kapitel karibischer Geschichte. Rasch errichteten die Spanier erste Siedlungen, bevor die Franzosen den Westen übernahmen und ihn im 17. Jahrhundert in die Kolonie „Saint-Domingue“ verwandelten – bald bekannt als „Perle der Karibik“, die Europa mit Zucker, Kaffee und Baumwolle überschwemmte. Doch dieser Reichtum hatte einen hohen Preis: die Auslöschung der indigenen Bevölkerung und die Versklavung von Hunderttausenden Afrikanern. Ende des 18. Jahrhunderts entlud sich die Unterdrückung in einer gewaltigen Sklavenrevolte, die über ein Jahrzehnt dauerte und 1804 mit der Unabhängigkeitserklärung endete. So wurde aus dem Land, das Kolumbus entdeckt hatte, die Bühne für eine der radikalsten Umwälzungen der Neuzeit: die Geburt Haitis, des ersten freien schwarzen Staates der Welt.

Historische Darstellung: Columbus und seine Mannschaft stehen auf dem Deck der Santa María und blicken auf die tropische Küste von Hispaniola. Ein Seefahrer weist vom Schiffsbug Richtung Land, während andere Matrosen in einfacher Kleidung das Deck mit Seilen und Seekarten vorbereiten.


7 – „Republik der NGOs“

Nach dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 wurde Haiti zur größten Einsatzfläche internationaler Hilfsorganisationen in der westlichen Hemisphäre. Schätzungen zufolge waren zeitweise bis zu 10.000 Organisationen im Land aktiv, die Nahrungsmittel, Medizin und Unterkünfte bereitstellten und die Lücken der geschwächten Staatsinstitutionen füllten. So entstand der prägnante Beiname „Republik der NGOs“. Doch hinter der massiven Präsenz zeigte sich ein Paradox: Während Hilfsgelder flossen und Grundversorgung gesichert wurde, blieb die haitianische Regierung an den Rand gedrängt, langfristige Entwicklungspläne fehlten, und viele Projekte erwiesen sich als kurzfristig oder nicht nachhaltig. Die Folge war ein Land zwischen zwei Welten: internationale Hilfe mit großen Versprechen – und ein lokaler Staat, der um seine Handlungsfähigkeit kämpfte.

Ein Flüchtlingslager in Haiti nach dem Erdbeben von 2010, mit langen Reihen weißer Zelte, in deren Mitte Menschen Wasser und Lebensmittel tragen. Im Vordergrund läuft eine Frau mit einem gelben Eimer auf dem Kopf, während Kinder barfuß spielen.


8 – Cholera in Haiti… eine Epidemie mit UN-Stempel

Unmittelbar nach dem Erdbeben von 2010 traf Haiti eine neue Katastrophe: der Ausbruch der Cholera – die erste Epidemie dieser Art seit über hundert Jahren. Ausgangspunkt war das Tal des Flusses Artibonite, wo Abwässer aus einem Lager von UN-Blauhelmen aus Nepal ins Wasser gelangten. Innerhalb weniger Wochen breitete sich die Krankheit landesweit aus, infizierte über 800.000 Menschen und forderte fast 10.000 Todesopfer – in einem Land, das sich gerade erst vom Beben erholte. Jahrelang stritt die UNO jede Verantwortung ab, bis Generalsekretär Ban Ki-moon 2016 öffentlich um Entschuldigung bat und eine Unterstützungsinitiative für die Opfer ankündigte. Doch die versprochenen Gelder blieben größtenteils aus – ein weiteres Kapitel der Enttäuschung in Haitis Leidensgeschichte.

Eine haitianische Familie sitzt gemeinsam vor einem alten Fernseher und verfolgt eine Rede eines Mannes im Anzug. Das blaue Licht des Bildschirms fällt auf ihre ernsten Gesichter, während eine Petroleumlampe den Raum zusätzlich erhellt.


9 – Port-au-Prince… eine Stadt, die trotz Erdbebenwunden lebt

Die Hauptstadt Port-au-Prince ist das politische, wirtschaftliche und kulturelle Herz Haitis. Ihre offenen Märkte, bunten Wandmalereien und das pulsierende Straßenleben zeugen von Energie und Kreativität. Doch unter dieser Lebendigkeit trägt die Stadt noch immer die Narben des Erdbebens von 2010, das den Präsidentenpalast, Regierungsgebäude, Universitäten und Krankenhäuser zerstörte. Infrastrukturprobleme, Strom- und Wasserausfälle sowie Unsicherheiten prägen den Alltag. Und dennoch: Mit Festivals wie der „Ghetto Biennale“ oder wiederaufgebauten Märkten zeigt Port-au-Prince, dass selbst eine von Trümmern gezeichnete Stadt voller Widerstandskraft und Hoffnung sein kann.

Ein lebendiger Straßenmarkt in Port-au-Prince mit bunten Sonnenschirmen, tropischen Früchten wie Mangos und Bananen, umgeben von Menschen in kräftiger Kleidung. Im Hintergrund stehen erdbebengeschädigte Gebäude mit einer großen, farbenfrohen Wandmalerei eines Gesichts.


10 – Architektur des 19. Jahrhunderts trotzt der Katastrophe von 2010

Ende des 19. Jahrhunderts entstanden in Port-au-Prince einzigartige Häuser im sogenannten „Gingerbread-Stil“ – mit verzierten Holzfassaden, hohen Dächern und großzügigen Veranden, die Schatten und Luftzirkulation ermöglichten. Diese Bauweise verband europäische Eleganz mit lokaler Anpassung und wurde zum Symbol haitianischer Architektur. Das Erstaunliche zeigte sich beim Erdbeben 2010: Viele dieser historischen Holzhäuser hielten der Erschütterung besser stand als moderne Betonbauten, die massenhaft einstürzten. Ihre leichten, flexiblen Strukturen erwiesen sich als widerstandsfähiger als vermeintlich „moderne“ Architektur. So wurden die Gingerbread-Häuser zu einem lebendigen Beweis, dass Tradition manchmal klüger ist als Fortschritt – und zu einem Erbe, das es zu bewahren gilt.

Detailaufnahme eines haitianischen Gingerbread-Hauses aus dem 19. Jahrhundert mit kunstvoll geschnitzter Holzveranda, Bögen und Zierleisten, im warmen Morgenlicht; eine Frau sitzt auf der Veranda und liest.


11 – Karneval von Jacmel… Farbenfest gegen die Krise

Einmal im Jahr verwandeln sich die Straßen der Küstenstadt Jacmel in ein Freilufttheater voller Fantasie. Künstler und Handwerker schaffen riesige Figuren und Masken aus Pappmaché, die Fabelwesen, politische Satire oder lokale Legenden darstellen. Begleitet von Trommeln, Tänzen und Straßenmusik ziehen die farbenprächtigen Gestalten durch die Stadt. Der Karneval von Jacmel ist nicht nur ein Spektakel, sondern Ausdruck der Kreativität Haitis – eine Feier, die Krisen und Sorgen mit Humor und Kunst überstrahlt. Er zeigt, wie eine Gemeinschaft aus einfachsten Mitteln ein Fest voller Lebensfreude schafft.

Straßenkarneval in Jacmel, Haiti, mit riesigen bunten Papiermaché-Figuren, die von fröhlichen Tänzern in leuchtenden Kostümen begleitet werden; Zuschauer säumen die Straßen zwischen kolonialen Häuserfassaden mit Wimpelketten darüber.


12 – Die größte Gefängnisflucht der modernen haitianischen Geschichte

Im März 2024 erlebte Haiti einen der spektakulärsten Gefängnisausbrüche seiner Geschichte. Bewaffnete Banden stürmten das größte Gefängnis der Hauptstadt, woraufhin mehr als 4.700 Häftlinge flohen – darunter Mörder und Schwerverbrecher. Die Regierung rief sofort den Notstand aus und verhängte eine nächtliche Ausgangssperre über Port-au-Prince und Umgebung. Doch der Vorfall machte das ganze Ausmaß staatlicher Schwäche deutlich. Die Flucht war keine isolierte Episode, sondern ein Symptom der anhaltenden Instabilität seit der Ermordung von Präsident Jovenel Moïse 2021. Mit leeren Gefängnissen und erstarkten Milizen steht Haiti vor einer sicherheitspolitischen Zerreißprobe – einem Albtraum aus Gewalt, Machtvakuum und dem Kampf ums Überleben.

Ein verlassener Gefängniskorridor in Port-au-Prince: Offene Metalltüren, zerknitterte Bettlaken und verstreute Papiere liegen auf dem Boden, am Ende ein weit geöffnetes Tor, durch das helles Tageslicht einfällt.


13 – Vetiver… Haitis verborgener Schatz im Boden

Neben Kaffee, Kakao und Mango schenkt Haiti der Welt auch einen unverzichtbaren Rohstoff für die Parfümindustrie: Vetiveröl, gewonnen aus den Wurzeln der Pflanze. Das Land ist der weltweit größte Produzent dieser kostbaren Essenz, die in berühmtesten Düften verwendet wird – wegen ihres tiefen, erdigen Aromas und ihrer Fähigkeit, andere Noten zu fixieren. Im Süden bauen tausende Kleinbauern Vetiver an, für viele Familien ist es die wichtigste Einkommensquelle. So verbindet ein unscheinbares Grasstück haitianische Erde mit exklusiven Parfümhäusern in Paris und New York – ein Duft, der Haitis Präsenz in der Welt auf besondere Weise markiert.

Frisch ausgegrabene Vetiverwurzeln in einem haitianischen Feld, mit langen, faserigen Strängen voller Erde, im Vordergrund klar sichtbar; im Hintergrund grüne Vetiverpflanzen und tropische Bäume.


14 – Rhum Barbancourt… Haitis flüssiges Gold

Seit 1862 ist der Name Haitis untrennbar mit der Marke „Rhum Barbancourt“ verbunden. Sein Geheimnis liegt in der Destillation direkt aus frischem Zuckerrohrsaft – nach der „Agricole“-Methode, die aus der Tradition des französischen Cognacs stammt. Anschließend reift der Rum in Eichenfässern, teils über 15 Jahre, und entwickelt so komplexe, elegante Aromen. Barbancourt gilt heute als einer der renommiertesten Rums weltweit – ein Produkt, das bäuerliche Felder mit internationalem Prestige verbindet. Es ist nicht nur ein Getränk, sondern ein Stück kulturelles Erbe Haitis – ein „flüssiges Gold“, das die Insel mit Stolz in die Welt hinaus trägt.

Innenaufnahme einer traditionellen Destillerie in Haiti, wo ein Arbeiter ein Eichenfass mit der Aufschrift „Barbancourt 15 ans“ inspiziert, umgeben von Kupferbrennblasen und weiteren Holzfässern im warmen Licht.


15 – Bassin-Bleu… türkisfarbene Wasserfälle im Wald verborgen

Nur wenige Kilometer von der Küstenstadt Jacmel entfernt öffnet sich ein Tal, das wie ein geheimer Garten wirkt: Bassin-Bleu. Eine Reihe tiefer Wasserbecken leuchtet in schillernden Türkistönen, verbunden durch Wasserfälle, die zwischen Felsen und dichter Vegetation herabstürzen. Besucher erreichen diesen Ort über schmale Pfade und teils mit Seilen, bevor sie in das kühle, klare Wasser springen können. Bassin-Bleu ist mehr als ein Ausflugsziel – es ist ein Naturerlebnis, bei dem sich das Blau des Wassers mit dem Grün des Waldes mischt und Haiti von seiner märchenhaften Seite zeigt.

Menschen genießen die türkisblauen Naturpools von Bassin Bleu in Haiti; ein junger Mann schwingt sich an einem Seil über das Wasser, während andere im Pool schwimmen oder auf Felsen sitzen, mit einem Wasserfall im Hintergrund.


16 – Bunte Busse als rollende Kunstwerke

Auf Haitis Straßen verwandelt sich der Alltagstransport in ein fahrendes Kunstwerk: die „Tap-Taps“. Diese Kleinbusse und Lastwagen sind von Hand bemalt – mit leuchtenden Farben, religiösen Motiven, Porträts von Stars oder fantasievollen Mustern. Jede Fahrt wird so zu einem visuellen Erlebnis, das Glaube, Humor und Kreativität vereint. Für die Passagiere sind Tap-Taps günstige und unverzichtbare Verkehrsmittel, für das Land sind sie ein Symbol seiner Volkskunst. So wird der öffentliche Nahverkehr in Haiti zur rollenden Galerie – ein Ausdruck der Lebenskraft und des Erfindungsgeistes im Alltag.

Ein bunt bemalter haitianischer Tap-Tap-Minibus steht am Straßenrand, während Passagiere ein- und aussteigen; darunter eine Frau mit Korb auf dem Kopf und ein älterer Mann mit Gehstock.


17 – Haiti und die Dominikanische Republik… eine neue Mauer auf alter Insel

2022 begann die Dominikanische Republik mit dem Bau einer Grenzmauer zu Haiti, ausgestattet mit Kameras, Wachtürmen und Sensoren – offiziell, um Migration und Schmuggel einzudämmen. Das Bauwerk steht auf Hispaniola, einer Insel, die seit Jahrhunderten zwischen zwei Nationen geteilt ist. 2023 verschärften sich die Spannungen, als die Dominikanische Republik die Grenze wegen eines Streits um einen Bewässerungskanal am Fluss Massacre vollständig schloss. Damit wurde die Mauer zum greifbaren Symbol einer alten Trennung, die bis heute politische und wirtschaftliche Konflikte befeuert. Eine Insel – zwei Realitäten, getrennt durch Beton und Stacheldraht.

Ein hoher Grenzwall aus Beton trennt Haiti und die Dominikanische Republik; ein Wachtturm mit Soldat, Stacheldraht und Arbeiter beim Bauabschnitt neben einem Schild „Frontière Haïtienne“.


18 – Kochen mit Holz… wenn Alltag Wälder und Gesundheit kostet

In Haiti verfügen nur etwa die Hälfte der Menschen über Strom, und auch dieser ist meist unzuverlässig. In den Küchen zeigt sich die Not noch deutlicher: Über 90 % der Haushalte kochen täglich mit Holzkohle oder Feuerholz. Das hat doppelte Folgen – im Inneren verschmutzt der Rauch die Luft, was besonders Frauen und Kinder krank macht, draußen frisst der Bedarf die ohnehin bedrohten Wälder. So wird das Kochen selbst zu einer ökologischen und gesundheitlichen Belastung. Zwischen dem Bedürfnis nach einer warmen Mahlzeit und dem Schutz von Umwelt und Gesundheit kämpft Haiti einen unsichtbaren, täglichen Überlebenskampf.

Eine haitianische Frau kocht auf einem Holzofen in einer einfachen Küche mit Wellblechwänden, während ein Kind neugierig in der Türöffnung steht; Sonnenlicht fällt durch das Dach und beleuchtet den Rauch.


19 – Dollars aus der Ferne… wenn Überweisungen den Staat ersetzen

Jahr für Jahr fließen Milliarden nach Haiti – nicht aus Investitionen, sondern durch Geldsendungen seiner Diaspora. 2023 waren es rund 3,8 Milliarden US-Dollar, mehr als ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts. Diese Rücküberweisungen sichern Schulgeld, Arztkosten, Lebensmittel und den Hausbau für hunderttausende Familien. Während staatliche Institutionen schwach bleiben, sind es die im Ausland lebenden Haitianer, die mit ihren Überweisungen den Alltag im Land am Laufen halten. Damit wird Haiti zu einem Land, das von der Entfernung aus finanziert und getragen wird – ein Staat, dessen ökonomisches Rückgrat in der Ferne lebt.

Eine haitianische Familie in einem einfachen Haus: Eine Frau sitzt lächelnd am Tisch mit Geldscheinen und Überweisungsbeleg, ein Kind macht Hausaufgaben am Schreibtisch, während ein älterer Mann Lebensmittel wie Reis und Brot ordnet.


20 – Landwirtschaft und Leichtindustrie… ein fragiles, aber lebendiges Rückgrat

Trotz Krisen schlagen zwei Sektoren weiter das ökonomische Herz Haitis: die Landwirtschaft und die Leichtindustrie. Auf dem Land leben viele von Kaffee, Zuckerrohr, Mango und Kakao – rund 40 % der Bevölkerung arbeiten in der Landwirtschaft und halten die bäuerliche Tradition am Leben. In den Städten dagegen ist es vor allem die Textilindustrie, die Exporterlöse bringt: Jährlich gehen hunderte Millionen Kleidungsstücke in die USA, schaffen Arbeitsplätze und Einkommen. Schwache Infrastruktur und schwierige Rahmenbedingungen bleiben Hindernisse, doch Kooperativen und lokale Initiativen halten die Wirtschaft aufrecht. Haitis Ökonomie ist verletzlich – aber sie lebt, getragen von der Energie seiner Menschen.

Arbeiterinnen und Arbeiter in einer haitianischen Textilfabrik nähen, falten und verpacken Kleidung; auf einem Karton steht deutlich „Made in Haiti“.


21 – Kurzes Leben, langer Kampf… Kindersterblichkeit im ärmsten Karibikstaat

In den 1990er-Jahren starben in Haiti noch über 130 von 1.000 Kindern vor ihrem fünften Geburtstag. Heute liegt die Zahl bei etwa 80 – ein Fortschritt, möglich durch Impfprogramme, bessere Ernährung und sauberes Wasser. Doch im regionalen Vergleich ist das immer noch einer der höchsten Werte: Jedes zwölfte Kind erreicht das fünfte Lebensjahr nicht. Die Entwicklung bleibt zerbrechlich, denn jede politische Krise oder Naturkatastrophe kann die Fortschritte zunichtemachen. So wird die Gesundheit der Kinder zu einem Spiegel für Haitis Schicksal insgesamt – zwischen Hoffnung und der ständigen Gefahr des Rückschlags.

Eine haitianische Mutter sitzt auf einer Holzbank in einer einfachen Klinik, während eine Krankenschwester ihrem Kind eine Impfung vorbereitet; auf dem Tisch liegen Impfstofffläschchen und ein Kühlbehälter, Sonnenlicht fällt durch das Fenster.


22 – Hurrikan und Erdbeben… ein Jahrzehnt voller Katastrophen

Im Oktober 2016 traf Hurrikan „Matthew“ den Südwesten Haitis mit zerstörerischer Wucht: Sturmfluten, Überschwemmungen und Ernteausfälle hinterließen hunderte Tote und massive Schäden. Kaum hatte sich die Region etwas erholt, erschütterte am 14. August 2021 ein Erdbeben der Stärke 7,2 den Süden des Landes, forderte über 2.000 Menschenleben und zerstörte zehntausende Häuser, Schulen und Krankenhäuser. Zwei Naturkatastrophen in weniger als fünf Jahren machten den Südteil Haitis zum Prüfstein für Überlebenswillen und Wiederaufbau. Zwischen Sturm und Beben zeigte sich die ganze Zerbrechlichkeit der Insel – und zugleich die Kraft ihrer Bewohner, immer wieder aufzustehen.

Eine überschwemmte Straße in einer haitianischen Küstenstadt nach einem Hurrikan; zerstörte Häuser mit Wellblechdächern, umgestürzte Palmen und Bewohner waten durch knietiefes Wasser, eine Frau trägt ein Kind.


23 – Haiti… Land der Kirchen und des Voodoo

Die Mehrheit der Haitianer gehört dem Christentum an – Katholiken und Protestanten dominieren. Doch die religiöse Landschaft ist von einer Besonderheit geprägt: dem Voodoo. Ein Sprichwort sagt: „Haiti ist zu 70 % katholisch, zu 30 % protestantisch und zu 100 % Voodoo.“ Denn die spirituellen Rituale, Gesänge und Tänze durchdringen Alltag und Festkultur, oft parallel zum Kirchgang. Voodoo ist weniger eine separate Religion als vielmehr ein kulturelles Erbe, das Glaube, Musik und Gemeinschaft verbindet. In diesem Nebeneinander von christlichen Kirchen und Volksritualen zeigt sich die haitianische Identität – ein Glaube, der in offiziellen Gebeten und populären Feierlichkeiten zugleich lebt.

Haitianische Frauen in weißen Kleidern tanzen barfuß um ein Veve-Symbol im Sand, während Trommler im Hintergrund spielen und auf einem Altar Kerzen und Blumen brennen.


24 – Suppe der Freiheit… vom Verbot zum Weltkulturerbe

Ohne „Pikliz“, den scharfen Gemüseeinlege mit Chili, wäre die haitianische Küche unvollständig – er begleitet Fleischgerichte und bringt Würze ins Alltägliche. Doch am 1. Januar, dem Unabhängigkeitstag von 1804, steht ein anderes Gericht im Mittelpunkt: die Kürbissuppe „Soup Joumou“. Sie war den Sklaven einst verboten und nur den Kolonialherren vorbehalten. Nach der Unabhängigkeit wurde sie zum Symbol der Freiheit und Einheit – ein Gericht, das jedes Jahr aufs Neue die Revolution feiert. 2021 erklärte die UNESCO die Suppe zum immateriellen Kulturerbe der Menschheit. So wurde aus einem einfachen Mahl ein weltbekanntes Symbol des Stolzes und der Selbstbestimmung Haitis.

Eine haitianische Familie feiert Neujahr um einen Holztisch mit einem großen Topf dampfender Kürbissuppe „Soup Joumou“; Kind, Eltern und Großmutter lachen und teilen das Essen, dahinter hängt die Flagge Haitis.


25 – Massenmigration… ein neues Kapitel des Leidenswegs

Nach dem Erdbeben von 2010 suchten viele Haitianer Arbeit in Brasilien und Chile. Doch Wirtschaftskrisen und verschärfte Einwanderungspolitik zwangen sie später zur Weiterreise nach Norden. Über den „Darién Gap“ – einen der gefährlichsten Landkorridore Amerikas mit dichtem Dschungel und reißenden Flüssen – machten sich ganze Gruppen auf den Weg Richtung Mittelamerika, Mexiko und schließlich USA. In den letzten Jahren stellten Haitianer einen großen Teil der Migranten auf dieser Route. So wurde aus individuellen Fluchtwegen eine kollektive Migrationswelle voller Risiken. Nicht Traum, sondern Notwendigkeit treibt sie an – jeder Kilometer durch Wald und Grenze wird zu einem Überlebenskampf.

Eine große Gruppe haitianischer Migranten marschiert auf einem schlammigen Dschungelpfad durch den Darién Gap; im Vordergrund trägt eine Frau ein schlafendes Kind, während Männer Kinder an den Händen führen.


26 – Die Freiheit, die Haiti über ein Jahrhundert teuer zu stehen kam

1825, kaum zwanzig Jahre nach dem Sieg über die Kolonialmacht, verlangte Frankreich ein astronomisches „Entschädigungsgeld“ von 150 Millionen Goldfrancs als Bedingung für die Anerkennung der Unabhängigkeit Haitis. Die junge Republik musste Kredite bei französischen Banken aufnehmen, belastet mit hohen Zinsen. Bis 1947 zahlte Haiti an dieser Schuld – ein finanzielles Joch, das über Generationen hinweg einen Großteil des Staatshaushalts auffraß und Investitionen in Bildung oder Infrastruktur blockierte. Heute gilt diese sogenannte „Unabhängigkeitsentschädigung“ als einer der schwersten historischen Ballaste: Sie verwandelte den revolutionären Triumph in eine ökonomische Falle und machte die Freiheit teurer als die Kolonialherrschaft selbst.

Ein symbolisches Stillleben zeigt eine alte Messingwaage: Auf der einen Seite ein kleines Freiheits­symbol, auf der anderen Seite ein Stapel französischer Goldmünzen mit der Aufschrift „1825“.


Was bleibt?

Von der Revolution 1804 über die koloniale Schuldenlast bis hin zu modernen Herausforderungen wie Cholera, Erdbeben und Massenmigration: Haiti ist ein Land, das trotz widrigster Umstände seine kulturelle Stärke bewahrt. Voodoo, Musik, Kunst und kulinarische Traditionen sind Ausdruck einer Gesellschaft, die immer wieder Wege findet, ihre Identität zu behaupten. Wer Haiti verstehen will, muss seine Geschichte der Freiheit ebenso betrachten wie den ungebrochenen Überlebenswillen seiner Menschen.

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