Venezuela ist ein Land der Gegensätze: Es besitzt die größten Ölreserven der Welt, gleichzeitig prägen Wirtschaftskrisen und Massenmigration den Alltag. Zwischen Karibikküste und Anden, Llanos-Savannen und Regenwäldern bietet das Land spektakuläre Naturjuwele wie den Salto Ángel oder die Catatumbo-Blitze. Zugleich erzählen indigene Völker, koloniale Spuren und eine einzigartige Esskultur von einer reichen, vielfältigen Identität. In diesem Artikel entdecken Sie mehr als 25 faszinierende Fakten über Venezuela – zwischen Öl, Naturwundern und Krise.
1 – Land der Schönheitsköniginnen… ein Weltruhm dank Professionalität
Seit den 1970er-Jahren hat sich Venezuela als das berühmteste Land für Schönheitsköniginnen etabliert. Sieben Titel bei der Wahl zur „Miss Universe“ (1979, 1981, 1986, 1996, 2008, 2009, 2013) sowie zahlreiche Erfolge bei „Miss World“, „Miss International“ und „Miss Earth“ sprechen für sich. Hinter diesem Erfolg steht ein professionelles System, die sogenannte „Schönheitsschule von Venezuela“. Dort lernen die Teilnehmerinnen nicht nur Haltung, Gang und Rhetorik, sondern auch Fitness und Medienauftritte. So wurde der Wettbewerb von einem jährlichen Event zu einer regelrechten nationalen Industrie. Venezuela nimmt nicht nur teil, sondern definiert weltweit die Standards von Schönheit und Professionalität neu – und ist damit zu Recht das Land der Schönheitsköniginnen.

2 – Venezuela und die USA… ein Schlagabtausch, der von Ölfässern bestimmt wird
Die Beziehung zwischen Venezuela und den Vereinigten Staaten war nie stabil. Seit dem Aufstieg von Hugo Chávez in den späten 1990er-Jahren wurde Caracas zum Symbol des Widerstands gegen den amerikanischen Einfluss, mit Parolen wie „Souveränität“ und „Antiimperialismus“. Washington reagierte darauf mit Sanktionen und politischem Druck. 2025 erreichte die Spannung einen Höhepunkt, als eine große US-Flotte in der Karibik unter dem Banner „Drogenbekämpfung“ aufmarschierte. Für Venezuela war dies jedoch reine Kanonendiplomatie, möglicherweise ein Signal zum Regimewechsel. Die Antwort folgte prompt: Tausende Soldaten und Milizen wurden mobilisiert, um klarzumachen, dass die Souveränität „eine rote Linie“ sei. Paradoxerweise fiel dieses Muskelspiel zusammen mit der Entscheidung, dem US-Konzern Chevron begrenzte Ölgeschäfte im Land zu gestatten – allerdings unter der Bedingung, dass die Einnahmen in Schuldentilgungen und nicht in die Finanzierung der Maduro-Regierung fließen. Damit zeigt sich die alte Logik: Feindschaft auf der Bühne, aber im Hintergrund bestimmt stets das Öl die Regeln.

3 – Riesige Reserven… doch die Förderung bleibt ein Problem
Im Herzen Venezuelas liegt der Orinoco-Ölgürtel – eines der größten Lagerstätten von Schweröl weltweit. Mit über 300 Milliarden bestätigten Barrel führt das Land die globale Rangliste an, noch vor Saudi-Arabien und Kanada. Doch der Schatz ist schwer zugänglich: Das zähflüssige Schweröl erfordert teure und aufwendige Technologien, um transport- und verarbeitungsfähig zu werden. Auf dem Papier besitzt Venezuela also Reichtum im Überfluss, in der Realität aber nur begrenzte Möglichkeiten, daraus wirtschaftlichen Nutzen zu ziehen. Beim Erdgas ist die Lage ähnlich: Trotz rund 200 Billionen Kubikfuß an bestätigten Reserven reicht es nicht für eine Spitzenposition im globalen Vergleich.

4 – „Klein-Venedig“… der Name, der Venezuela inspirierte
Der Name Venezuela geht auf eine Expedition im Jahr 1499 zurück, angeführt vom Spanier Alonso de Ojeda in Begleitung des italienischen Seefahrers Amerigo Vespucci. Als sie den Maracaibo-See erreichten, entdeckten sie Dörfer der indigenen Bevölkerung, die auf Stelzen über dem Wasser gebaut waren – ein Bild, das sie sofort an die italienische Lagunenstadt Venedig erinnerte. So nannten sie das Gebiet „Venezziola“, also „Klein-Venedig“. Aus dem italienischen Ausdruck entwickelte sich die spanische Form „Venezuela“, die schließlich zum Landesnamen wurde.

5 – Guinness hält das spektakulärste Blitzphänomen fest
Am Zufluss des Catatumbo-Flusses in den Maracaibo-See spielt sich eines der erstaunlichsten Naturphänomene der Erde ab: nahezu dauerhafte nächtliche Gewitter, die den Himmel wie eine endlose Lichtshow erhellen. Etwa 140 bis 160 Nächte im Jahr treten diese Stürme auf, manchmal bis zu neun Stunden am Stück und mit bis zu 280 Blitzen pro Stunde. Damit wurde die Region ins Guinness-Buch als der blitzreichste Ort der Welt eingetragen. Ursache ist die Mischung aus feuchter Luft über dem See und kühleren Winden aus den Anden – ein perfektes Szenario für dauerhafte Gewitter. Früher dienten die hellen Blitze sogar als „Leuchtturm von Maracaibo“ und wiesen Schiffen in der Dunkelheit den Weg.

6 – Natürlicher Asphalt, der aus der Erde quillt
Im Osten Venezuelas, im Bundesstaat Sucre, liegt der Guanoco-See – eine der größten natürlichen Asphaltansammlungen weltweit, die sich über mehr als 400 Hektar erstreckt. Diese zähe schwarze Fläche ist kein Industrieabfall, sondern ein seltenes geologisches Naturprodukt, vergleichbar mit dem berühmten Pitch Lake in Trinidad, wenn auch weniger tief. Bereits die indigenen Warao nutzten den Rohstoff zur Reparatur ihrer Boote. Ende des 19. Jahrhunderts wurde der See zu einem Exportgut: Asphalt aus Guanoco wurde in New York und Washington für den Straßenbau verwendet. Auch wenn die Förderung in den letzten Jahrzehnten stark zurückging, bleibt der See eine Naturattraktion – eine seltene Schnittstelle zwischen Geologie und Industrie, zwischen der Schwärze der Erde und dem Wert des „schwarzen Goldes“.

7 – Der rosa Flussdelfin… eine seltene Perle in Venezuelas Gewässern
In den Tiefen der Orinoco- und Amazonasflüsse Venezuelas lebt ein fast mythisches Tier: der rosa Flussdelfin (Inia geoffrensis). Mit seiner enormen Beweglichkeit, seiner Fähigkeit, sich in seichten Gewässern zu drehen, und seiner Orientierung per Echoortung in trübem Wasser ist er ein Symbol für das Leben in den Flüssen. Seine auffällige rosa Färbung entsteht durch nahe unter der Haut verlaufende Blutgefäße und wird bei Aktivität oder Aufregung noch intensiver. Doch hinter dieser Schönheit lauert Gefahr: Lebensraumverlust, Verschmutzung und Überfischung setzen die Art stark unter Druck und haben sie auf die Liste der bedrohten Tiere gebracht. Ein faszinierendes Zusammenspiel aus Anmut und Bedrohung – eine der unvergesslichen Naturwunder Venezuelas.

8 – Anakondas der Llanos… die schwersten Schlangen der Süßwasserwelt
In den überfluteten Llanos-Ebenen zwischen Venezuela und Kolumbien lebt die Grüne Anakonda – die schwerste Schlange der Welt. Sie kann über neun Meter lang werden und mehrere Hundert Kilo wiegen, bewegt sich im Wasser jedoch mit beeindruckender Leichtigkeit. Mit Augen und Nasenlöchern knapp über der Wasseroberfläche bleibt sie verborgen, bis sie blitzschnell zuschlägt. Dokumentierte Szenen zeigen, wie sie Capybaras oder sogar kleine Kaimane überwältigt. Sie verkörpert die tödliche Kombination aus Kraft und Geduld – ein furchteinflößendes Sinnbild für die wilde Schönheit Venezuelas, wo nur die Gesetze des Überlebens gelten.

9 – Ein technisches Wahrzeichen in den Andenwolken
In den venezolanischen Anden erhebt sich die legendäre Seilbahn von Mérida, bekannt als „Mukumbarí“ – fast das längste und höchstgelegene Seilbahnsystem der Welt. Sie startet in der Stadt Mérida auf 1.577 Metern Höhe und führt in vier Etappen bis zur Station Pico Espejo auf unglaublichen 4.765 Metern über dem Meeresspiegel. Die Fahrt erstreckt sich über 12,5 Kilometer und bietet Ausblicke auf Wälder, Schneefelder und die majestätische Bergwelt. Eröffnet in den 1960er-Jahren und 2016 umfassend modernisiert, ist sie heute ein touristisches Wahrzeichen und ein Meisterwerk der Ingenieurskunst. Die Fahrt mit Mukumbarí ist mehr als nur Transport – sie ist ein vertikaler Aufstieg mitten in die Wolken.

10 – Fast kostenloses Benzin… die Paradoxie eines ölreichen Landes
Venezuela galt jahrzehntelang als das Land mit dem billigsten Benzin der Welt – eine Tankfüllung kostete kaum mehr als ein paar Cent. Möglich machte dies ein massiver staatlicher Zuschuss in einem Land mit riesigen Ölreserven. Doch die schwere Wirtschaftskrise zwang zu einem drastischen Kurswechsel: 2020 führte die Regierung ein Doppeltarifsystem ein – eine kleine, stark subventionierte Menge für Bürger zum Symbolpreis und darüber hinaus Benzin zu annähernd internationalen Preisen. Zwar wurde damit der Schmuggel in Nachbarländer eingedämmt, doch Engpässe und Versorgungsprobleme gehören weiterhin zum Alltag.

11 – Der Guri-Staudamm… Wasserriese und Rückgrat der Energieversorgung
Im tiefen Süden Venezuelas erhebt sich der Guri-Staudamm, offiziell als Simón-Bolívar-Wasserkraftwerk bekannt, als eines der größten Energieprojekte der Welt mit einer Kapazität von über 10.000 Megawatt. Errichtet am Caroní-Fluss, liefert er rund 70–80 % des nationalen Strombedarfs und ist damit das Herzstück der Energieversorgung des Landes. Doch die Abhängigkeit birgt Risiken: 2019 führten technische Probleme zu einem landesweiten Stromausfall, der mehrere Tage anhielt – ein Schock, der die Verletzlichkeit des Systems offenbarte. Der Guri-Staudamm bleibt zugleich Symbol für nationale Stärke und ein Mahnmal für die Gefahr, alles auf eine Karte zu setzen.

12 – Caracas… eine Hauptstadt im Tanz mit der Angst
Auf den ersten Blick wirkt Caracas wie eine pulsierende Metropole: farbenfrohe Straßenkunst, Salsa-Rhythmen in den Gassen, ein lebendiges Kulturleben. Doch hinter der Fassade kämpft die Hauptstadt mit einem düsteren Ruf. Jahrzehntelang führte Caracas die Liste der gewalttätigsten Städte der Welt an – 2015 lag die Mordrate bei 120 pro 100.000 Einwohner. Zwar haben sich die Zahlen in den letzten Jahren etwas verbessert, doch das Sicherheitsproblem bleibt allgegenwärtig. Caracas lebt in einem täglichen Widerspruch: eine Stadt, die Freiheit und Kreativität feiert, und zugleich eine Bühne der Angst, wo Kunst und Gewalt Seite an Seite existieren.

13 – Die Guácharo-Höhle… Vögel, die in der Dunkelheit mit Echo sehen
Im Nordosten Venezuelas verbirgt sich eine der ungewöhnlichsten Höhlen Lateinamerikas: die Guácharo-Höhle. Hier leben nachtaktive Vögel, die sogenannten Guácharos oder Ölvögel, mit einer einzigartigen Fähigkeit – sie orientieren sich im völligen Dunkel durch Echoortung, ähnlich wie Fledermäuse. 1949 wurde die Höhle zum ersten Naturdenkmal Venezuelas erklärt, 1975 in einen Nationalpark umgewandelt. Neben den beeindruckenden Kalksteinformationen fasziniert sie durch ein hochsensibles Ökosystem, in dem Feuchtigkeit, Gestein und das Rufen der Vögel eine geheimnisvolle Symphonie bilden.

14 – Die Warao… ein Volk, das seine Häuser auf das Wasser setzt
Im äußersten Osten Venezuelas, wo das Orinoco-Delta in ein riesiges Netz von Wasserwegen zerfällt, lebt das indigene Volk der Warao seit Jahrtausenden im Einklang mit seiner aquatischen Umwelt. Ihre traditionellen Häuser, die „Palafitos“, stehen auf Holzpfählen im Flussbett, hoch genug, um vor Überschwemmungen und Gezeiten geschützt zu sein. Schmale Stege verbinden die Behausungen, während Kanus – aus Baumstämmen gehauen – als einziges Transportmittel dienen. Das Leben der Warao basiert auf Fischfang, Sammeln von Früchten und kleinflächiger Landwirtschaft. Sprache und Geschichten werden mündlich weitergegeben – so unaufhörlich wie die Wasserströme, die ihr Leben prägen.

15 – „Klein-Deutschland“… ein bayerisches Dorf mitten in Venezuela
Etwa 65 Kilometer von Caracas entfernt liegt Colonia Tovar – ein Stück Süddeutschland in den venezolanischen Anden. Gegründet 1843 von Auswanderern aus dem Großherzogtum Baden, brachten sie ihre Architektur, ihre alemannische Mundart, ihre Küche und ihre Traditionen mit. Fachwerkhäuser, rote Dächer, Würste, Bäckereien, Musikfeste – alles erinnert an ein Dorf im Schwarzwald. Jahrzehntelang war Colonia Tovar isoliert, wodurch sich sogar ein eigener Dialekt, das „Koloniero-Deutsch“, hielt, der heute noch in Schulen unterrichtet wird. Heute ist die Siedlung ein beliebtes Touristenziel, aber ihr Kern bleibt eine einzigartige Mischung aus europäischem Erbe und venezolanischem Alltag.

16 – „Pabellón Criollo“… ein Teller, der Afrika, Europa und Indigene vereint
Das bekannteste Nationalgericht Venezuelas heißt „Pabellón Criollo“ – und es ist mehr als nur eine Mahlzeit: Es ist ein Symbol der nationalen Identität. Vier Grundelemente gehören immer zusammen auf den Teller: weißer Reis, schwarze Bohnen, langsam geschmortes Rindfleisch und gebratene Kochbananen. Jedes Element steht für einen Teil der Geschichte: die Bohnen für die afrikanischen Wurzeln, der Reis für den europäischen Einfluss, das Fleisch für die indigenen Kulturen und die Bananen für den Reichtum der tropischen Natur. So wird das Gericht als kulinarisches Abbild Venezuelas verstanden. Im Alltag gehört es in vielen Haushalten dazu, oft begleitet von den berühmten Maisfladen „Arepas“. An Feiertagen ergänzen Spezialitäten wie „Hallacas“ – in Bananenblätter gewickelte Maisteigtaschen mit Fleisch und Gemüse – das festliche Menü.

17 – Ein kirchliches Schlupfloch macht das Nagetier zur „Fastenspeise“
Eine der kuriosesten Geschichten Venezuelas betrifft das Wasserschwein, den Capybara – das größte Nagetier der Welt. Im 17. und 18. Jahrhundert baten Geistliche die katholische Kirche, das Tier offiziell als „Fisch“ einzustufen, damit es in der Fastenzeit verzehrt werden durfte, wenn Fleisch verboten war. Die Begründung: Capybaras leben im Wasser und besitzen teils aquatische Eigenschaften; zudem kann ihr Fleisch ähnlich wie Fisch zubereitet werden. Obwohl der Vatikan nie ein schriftliches Dekret erließ, fand die Geschichte breite Zustimmung und wurde zu einem festen Brauch. Bis heute gilt Capybara-Fleisch in den Llanos während der Fastenzeit als Delikatesse – bekannt unter dem lokalen Namen „Chigüire“.

18 – Fünf Meter Kraft im Überlebenskampf… der Orinoco-Krokodil
Zwischen den Ufern des Orinoco und den Llanos-Savannen lebt eines der größten Reptilien der Erde: das Orinoco-Krokodil. Es erreicht Längen von über fünf Metern und verkörpert die perfekte Mischung aus Kraft und Urzeitinstinkt. Jahrmillionen war es ein wichtiger Teil des ökologischen Gleichgewichts, doch heute steht es am Rand des Aussterbens. Nur noch wenige Hundert Exemplare leben in freier Wildbahn. Im 20. Jahrhundert wurde es wegen seines Leders gnadenlos gejagt, später zerstörten Landwirtschaft und Industrie große Teile seines Lebensraums. Obwohl es längst als „vom Aussterben bedroht“ eingestuft ist, begannen ernsthafte Schutz- und Zuchtprogramme erst in jüngerer Zeit. Junge Krokodile werden heute in Reservaten aufgezogen und später ausgewildert – ein Wettlauf gegen die Zeit, um das urzeitliche Raubtier zu retten.

19 – Wie Venezuela zur Talentschmiede der MLB wurde
In Venezuela ist Baseball weit mehr als nur ein Spiel – er wird wie eine nationale Religion gelebt. Seit der erste Venezolaner in den US-Profiligen auflief, hat das Land eine beeindruckende Reihe von Stars hervorgebracht. Namen wie Miguel Cabrera, José Altuve oder Ronald Acuña Jr. begeistern nicht nur die Fans in den USA, sondern gelten auch daheim als Nationalhelden. Der Siegeszug begann schon 1941, als die venezolanische Nationalmannschaft Kuba bei der Amateur-Weltmeisterschaft besiegte – ein Triumph, der als kultureller Wendepunkt gefeiert wurde. Seitdem wächst die Begeisterung vom Straßenspiel bis zum internationalen Stadion: Venezuela exportiert Leidenschaft und Spitzentalente gleichermaßen.

20 – Mehr als die Hälfte der Geschäfte in US-Dollar… Nullen löschen beendet keine Krise
Die venezolanische Währung spiegelt die tiefe Wirtschaftskrise des Landes wider. Seit 2008 wurden drei drastische Währungsreformen durchgeführt: Zunächst der „Bolívar Fuerte“ mit dem Entfernen von drei Nullen, dann 2018 der „Bolívar Soberano“ mit weiteren fünf gestrichenen Nullen und schließlich 2021 der „digitale Bolívar“, der gleich sechs Nullen eliminierte. So wurde aus einer Million alter Bolívar am Ende ein einziger neuer. Doch die Maßnahmen konnten das Vertrauen nicht zurückgewinnen. Immer mehr Menschen und Unternehmen wickeln ihre Geschäfte lieber in US-Dollar oder mit digitalen Zahlungsmitteln ab. 2024 erfolgte bereits mehr als die Hälfte aller Transaktionen in Dollar – ein faktischer Übergang zu einer „dollarisierten“ Wirtschaft, auch wenn die Regierung es nie offiziell erklärt hat.

21 – Die zweitgrößte Fluchtbewegung der Welt nach Syrien
Seit 2015 haben über sieben Millionen Venezolaner ihr Land verlassen – rund ein Viertel der Bevölkerung. Der Grund: eine lähmende wirtschaftliche und politische Krise. Damit erlebt die westliche Hemisphäre eine der größten Migrationswellen ihrer Geschichte. Die meisten fanden Zuflucht in Nachbarländern wie Kolumbien, Peru, Ecuador, Chile oder Brasilien, andere zog es in die USA, nach Spanien und weitere europäische Staaten. Manche Länder öffneten ihre Türen, vielerorts aber kämpfen die Geflüchteten mit Armut, Diskriminierung und prekären Lebensumständen. Venezuela reiht sich so in die Liste globaler Fluchtkrisen ein – gleich hinter Syrien.

22 – Die Flagge Venezuelas… das Rätsel um den achten Stern von 2006
Die Flagge Venezuelas besteht aus drei horizontalen Farben und einem Sternenbogen im blauen Mittelstreifen – doch sie ist weit mehr als ein nationales Symbol. Gelb steht für den Reichtum des Bodens und die Sonne, Blau für das Karibische Meer und für Treue und Mut, Rot für das Blut der Unabhängigkeitskämpfe. Der Sternenbogen zählte ursprünglich sieben Sterne, die an die Provinzen erinnerten, die 1811 die Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten. 2006 kam ein achter Stern hinzu – offiziell als Umsetzung eines Wunsches von Simón Bolívar, symbolisch für die Region Guayana. Gleichzeitig verweist er auf die bis heute schwelenden Grenzstreitigkeiten mit dem Nachbarstaat Guyana.

23 – Spanisch dominiert… doch 40 indigene Sprachen teilen sich die Bühne
In Venezuela ist Spanisch zwar laut Verfassung die Amtssprache, doch daneben existiert eine große sprachliche Vielfalt. Über 40 indigene Sprachen sind offiziell anerkannt und in ihren Gemeinschaften geschützt. Sie reichen von Warao im Orinoco-Delta über Wayuu im Westen bis hin zu Pemón und Yanomami im Südosten. Der Artikel 9 der Verfassung garantiert nicht nur den symbolischen Status, sondern auch das Recht auf Bildung und öffentliche Dienstleistungen in diesen Sprachen. So bleibt die indigene Sprachwelt ein lebendiger Teil der nationalen Identität Venezuelas.

24 – Rettet Venezuela sein Naturjuwel rechtzeitig?
Im Norden Venezuelas funkelt das Archipel Los Roques wie eine Perlenkette in der Karibik: über 300 kleine Inseln und Kalksteininseln, umgeben von türkisfarbenem Wasser. Seit 1972 ist das Gebiet als Nationalpark geschützt und gilt als ein ökologisches Paradies, das Taucher, Segler und Naturliebhaber aus aller Welt anzieht. Doch das empfindliche Ökosystem steht unter Druck. Wachsende Touristenzahlen, neue Hotelprojekte und Infrastrukturmaßnahmen gefährden Korallenriffe, Mangroven und Brutplätze seltener Meeresschildkröten. Zwischen wirtschaftlichem Nutzen und Umweltschutz steht Los Roques vor einer Schicksalsfrage: Kann Venezuela sein karibisches Naturerbe bewahren, bevor es unwiederbringlich verloren geht?

25 – Von Cartoons zu Baywatch… was ist kindgerechter?
2008 strich ein venezolanischer Fernsehsender die Serie „Die Simpsons“ aus dem Vormittagsprogramm – mit der Begründung, sie sei für Kinder in dieser Sendezeit ungeeignet. Die Ironie: Als Ersatz lief stattdessen die Strandserie „Baywatch Hawaii“, bekannt für ihre freizügigen Szenen und Badeoutfits. Die Entscheidung sorgte international für Spott und Schlagzeilen, ein Paradebeispiel für moralische Doppelmoral. So wurde ein vermeintlicher Jugendschutz zu einer noch größeren Absurdität als die Serie, die man verbieten wollte.

26 – Der Essequibo-Konflikt… ein Jahrhundert alter Streit mit Guyana
Seit über hundert Jahren erhebt Venezuela Anspruch auf die rohstoffreiche Region Guayana Esequiba, die derzeit von Guyana verwaltet wird und fast zwei Drittel seines Territoriums umfasst. 1899 sprach ein internationales Schiedsgericht das Gebiet Britisch-Guayana zu – eine Entscheidung, die Venezuela nie akzeptierte. Jahrzehntelang ruhte der Konflikt, bis neue Ölfunde 2015 die Lage wieder anheizten. 2023 stimmten über 95 % der Venezolaner in einem Referendum für die Annexion, und 2025 kündigte die Regierung symbolische Gouverneurswahlen für das Gebiet an. Guyana sprach von einer „klaren Bedrohung der Souveränität“, während der Internationale Gerichtshof Venezuela aufforderte, den Status quo nicht einseitig zu ändern. Caracas wiederum erklärte die Urteile für „unverbindlich“.

27 – Salto Ángel… der Wasserfall, der vom Himmel stürzt
Mitten im Regenwald Venezuelas stürzt der Salto Ángel von der höchsten Steilwand der Erde in die Tiefe. Der Wasserfall entspringt am Berg Auyán-Tepui im Guayana-Hochland und erreicht eine Gesamthöhe von 979 Metern – davon 807 Meter freier Fall. Damit gilt er offiziell als der höchste Wasserfall der Welt. Die Anreise ist ein Abenteuer für sich: Flug mit einer kleinen Maschine nach Canaima, weiter mit dem Einbaumboot durch Flüsse und schließlich ein Fußmarsch durch unberührte Natur. Besonders in der Regenzeit scheint der Wasserschleier direkt aus den Wolken zu fallen. Benannt ist der Fall nach dem US-Piloten Jimmy Angel, der ihn 1933 erstmals überflog und so der Welt bekannt machte.

Was bleibt?
Venezuela ist mehr als die Schlagzeilen über Krise und Konflikte. Wer genauer hinsieht, entdeckt ein Land voller Kontraste: von der Schönheit der Miss Universe-Gewinnerinnen bis zur Härte des Orinoco-Krokodils, von tropischen Nationalgerichten bis zu den Katastrophen, die ganze Generationen geprägt haben. Natur, Kultur und Politik verschmelzen hier zu einem komplexen Mosaik, das Venezuela zu einem der faszinierendsten Länder Südamerikas macht.
